PLAYBACK SHOWS
DIE SCHÖNSTEN JAHRE MEINES LEBENS - UNPLUGGED
PLAYBACK-MUSIC-VIDEOS | COLLECTION
Prof. Ulrike Bergermann

Im Mittelpunkt: Stephan Chamier, "I migliori anni della nostra vita - Die schoensten Tage Jahre Lebens"

1. Sound. Kopfhörer tragen und das gehörte Lied mitsingen: Was für die Umgebung, die das ganze Lied nicht hört, schief klingt, schließt für den Hörend-Singenden einen glücklichen Kreis. Ganz im importierten Sound aufgehen UND gleichzeitig die eigene Stimme hineinlegen, deren Unvollkommenheiten nicht hören, die eigene Stimme an der Stelle des Stars hören können, wo Innen und Außen, die Technik und das eigene Hören nicht mehr so klar zu unterscheiden sind: Ein Genuss, der sehr egozentrisch funktioniert.

2. Look. Der Selfie-Stick, der Touristen inmitten der Urlaubsumgebung aufnimmt, in der Mischung aus dem alten Panoramabild ("So sieht es hier aus") und Selfie gilt als Potenzierung von Eitelkeit und Selbstinszenierung. In Chamiers Video betont zudem die Weitwinkelverzerrung ausgehend von den Füßen, dem Ausgangspunkt, die Mitte des Bilds, also den Sänger; die Kamera könnte auf einem Rollkoffer befestigt sein, den Chamier vor sich herrollt wie so viele Touristen. Nach vielen Selbstumkreisungen endet der Blick wieder auf der kurzen Karohose, den Sneakern, dem eigenen Standpunkt.

3. Amore. Es muss also die Liebe sein, die Stephan Chamier dazu bringt, mit Hingabe in einem ebenso künstlichen wie schönen Venedig, in Kulisse und Geschichte gleichermaßen, so zu singen, dass er seine eigene Stimme nicht hören kann und also schiefe Töne produziert. Wir können nicht mit ihm in den ganzen Sound eintauchen, sondern ihm beim Genießen zusehen, seine Lust am Lied errraten. Der Gesang ist so falsch wie die Grammatik des ins Deutsche übersetzen Songtitels: Immer nur so daneben, dass man schon noch versteht, worum es geht - wir sind aktiv ins Verstehen eingebaut. Keine anderen Touristen stören sich am singenden und filmenden Akteur; der Kauf eines Venezia-TShirts am Souvenirstand gehört mit in die nostalgische Umarmung auch der Kommerzkultur. Das Gespräch mit dem Verkäufer und das weitere Hören des Lieds scheinen sich nicht auszuschließen: die Einbettung von realer Kunstwelt und künstlicher Echterfahrung der Musik gelingt. Wie narzisstisch ist der Sänger? Spielt er mit dem Klischee des Italo-Schnulzen-Lovers, so wahr und so künstlich wie die ganze Lagunenstadt, nur zu haben im Zusmmenspiel mit technischen Inszenierungen und Übersetzungen, eine Karaoke von Liebeslied, wo das Original schon korrumpiert ist durch die Popindustrie, die Tourismusindustrie, und trotzdem Begehren und Spaß erzeugt?

Die Antwort liegt im Lied. "Halte mich fest, weil keine Nacht unendlich ist." Das ist eine paradoxe Zeitstruktur (denn: wenn eh alles endet, kann man ja gleich loslassen/ wäre die Nacht endlich, warum nicht auch dann festhalten / ohne eine angesungene Person wäre das Lied so sinnlos wie der Selfie-Film ohne Zuschauer, etc. ), und das muss so sein. Es gibt ein, zwei richtige Leben gerade im Falschen: "Und es ist schön schwebend zu fischen."